SICKO

Kann ein Film Systeme verändern?

Der US-amerikanische Dokumentarfilm „SICKO“ aus dem Jahr 2007 befasst sich in seinen 123 Minuten Filmlänge kritisch mit dem gegenwärtigen Gesundheitssystem der USA. Drehbuchautor, Regisseur und Produzent ist der US-Amerikaner Michael Moore (*23.04.1954).

Michael Moore erlangte sowohl national als auch international hohe Anerkennung als gesellschaftskritischer Filmproduzent. Der überzeugte Kritiker der republikanischen Partei und selbsterklärter Gegner des ehemaligen amerikanischen Präsidenten George W. Bush produzierte vor SICKO bereits die bekannten Dokumentarfilme „Bowling for Columbine“ (2002) und „Fahrenheit 9/11“ (2004). In diesen stellte der Autor die Übermächtigkeit und den Einfluss der US-Waffenlobby, insbesondere der NRA (National Rifle Association), sowie Fragen zur Beziehung zwischen der Familie von Präsident Bush und der Familie von Osama bin Laden im Zusammenhang mit den Anschlägen vom 09.11.2001, in den Mittelpunkt.

sicko Der Film SICKO zeigt – in der für Moore üblichen Klarheit und Offenheit gewürzt mit der bereits von Moore bekannten Prise an Sarkasmus, Polemik und Ironie – die Missstände des US-amerikanischen Gesundheitssystems. Einleitend werden Menschen vorgestellt, die im Gesundheitssystem unter die Räder gekommen sind. Familien, die in den finanziellen Ruin gestützt wurden, weil sie Behandlungskosten selbst tragen mussten. Verletzte, die auf Körperteile verzichten mussten, weil sie nicht genügend Geld hatten, um diese wiederherstellen zu lassen, obwohl es rein medizinisch möglich gewesen wäre. Der Dokumentarfilm zeigt insbesondere die unerschöpflichen Mittel, die die Versicherungsgesellschaften, aufgrund mangelnder staatlicher Regulierung und Überwachung, gegenüber Ihren Versicherten ausüben können. Die geringsten Vorerkrankungen führen zu einer Ablehnung von Versicherungsanträgen – eine gesetzliche Pflichtversicherung gab es 2007 nicht. Versicherte dürfen Leistungen nicht in Anspruch nehmen, wenn Sie zum Beispiel Bewusstlosigkeit nicht im Vorhinein angekündigt haben. Auch darüber hinaus werden viele weitere erschreckende Beispiele aufgeführt. Zudem wirft Regisseur Moore mit Hilfe verschiedener Informanten einen Blick hinter die Kulissen der Versicherungsgesellschaften. Im Vergleich mit den Gesundheitssystemen anderer demokratischer Länder werden Positivbeispiele aus Kanada, dem United Kingdom und aus Frankreich gezeigt.

Die genannten Szenen sind allesamt beeindruckend und gut dokumentiert, würden allerdings – für sich genommen – schon ein erschreckendes Bild einer Gesellschaft ohne Sozialausgleich anbieten. Doch Moore ist ein Mensch, der nicht nur berichten und kritisieren, sondern auch verändern will. Und um in den USA Veränderungen herbeiführen zu können, muss zunächst einmal der Nationalstolz aktiviert werden – das zeigen die Erfahrungen aus der Vergangenheit. In wenigen demokratischen Staaten ist der Nationalstolz und Vaterlandspatriotismus so ausgeprägt und traditionell verankert wie in den USA. Dieser Tatsache bediente sich Michael Moore auch in seinen vorangegangenen Dokumentarfilmen. Auch in SICKO bestand die Aufgabe des Regisseurs also darin, ein Fazit einzubringen, das geeignet ist, den nationalen Patriotismus der US-Bürger zu mobilisieren.

An dieser Stelle bietet Moore ein Finale an, das die Grundfesten dieses Patriotismus schwanken lässt und somit auch die nationale Beachtung und Wirkung der Dokumentation erst wirklich sichert.
In den Schlüsselszenen versucht Moore mehreren freiwilligen Helfern der Terroranschläge vom 11. September 2001 die gleiche medizinische Behandlung zukommen zu lassen, wie den erklärten Feinden des demokratischen Amerikas. Von den Versicherungsgesellschaften wurden Leistungen abgelehnt, da diese als Freiwillige an den Hilfsmaßnahmen teilgenommen hatten. Zu diesem Zweck riskierte Moore in der Tat viel und erschien vor den Toren des berüchtigten Gefangenenlagers der US-Militärbasis Guantanamo Bay. Er forderte eine Behandlung auf dem Standard ein, der auch den politischen Feinden der USA kostenlos zugestanden wird. Natürlich hatte das Vorhaben keinen Erfolg. Daraufhin begaben sich Moore und seine Begleiter nach Havanna, wo diesen eine kostenlose Behandlung zur Verfügung gestellt wurde. Natürlich ist auch Havanna als Hauptstadt Kubas nicht willkürlich gewählt. Kuba, das als Sozialistische Republik nach wie vor den Klassenfeind der Vereinigten Staaten darstellt und als armes Land gilt, ist somit in der Lage, für die kostenlose Versorgung von Angehörigen der demokratischen Weltmacht USA zu sorgen, die aus eigener Kraft nicht in der Lage ist, dies zu gewährleisten.

Mit diesem geschickten Aufbau darf dieser Reportage mit nachgesagt werden, dass Moore hier einen Beitrag zur Einführung einer gesetzlichen Krankenpflichtversicherung leistete, die als eines der großen Ziele des US-Präsidenten Barack Obama im Jahr 2010 eingeführt werden konnte. Ohne kritische Berichterstattungen wie SICKO und andere wäre es unwahrscheinlich gewesen, dass die erforderlichen Mehrheiten in Senat und Kongress zu Stande gekommen wären.

Überprüfe die Faken von SICKO SICKO ist ein Film, den jeder Anhänger und Gegner eines umfassenden Sozialsystems zumindest einmal gesehen haben sollte. Natürlich ist die Berichterstattung von Michael Moore stellenweise subjektiv, manipulativ und polemisch. Diese Stilmittel benötigt der Autor und Produzent jedoch, um mit seinen Dokumentarfilmen zu schockieren. Und selbstverständlich ist die politische Linksausrichtung von Michael Moore eine Grundvoraussetzung, die in seinen Dokumentarfilmen überhaupt erst die Kritik an dem politischen System der Vereinigten Staaten von Amerika möglich macht. Die Dokumentationen und Bücher von Michael Moore stellen aber einen Baustein der wichtigen Evolution eines demokratischen Staates dar. Und für die USA waren und sind derartige Dokumentarfilme eine Möglichkeit, sich mit den Fehlentwicklungen des eigenen Staates zu beschäftigen. Sie bieten den Anlass, traditionelle Überzeugungen und Strukturen zu verändern und schaffen Spielräume für einen Reifeprozess. Die Grundstrukturen, die Moore in seinen Filmen kritisiert – und das darf in diesem Zusammenhang im Rahmen einer objektiven Bewertung nicht untergehen – entstammen den Wurzeln einer Gesellschaft mit einer der jüngsten Staatengeschichten weltweit. Gleichzeitig hatte dieser junge „Vielvölkerstaat“ aber in seiner Vergangenheit bereits Aufgaben zu bewältigen, die auch dazu geführt haben, dass heute in vielen anderen Staaten Demokratie und Menschenrechte überhaupt erst durchgesetzt werden konnten. Allerdings gab es Zeiten, in denen dieser Erfolg nur mit der bedingungslosen US-amerikanischen Sturheit durchgesetzt werden konnte.

Und genau an dieser Stelle sind die Dokumentationen von Michael Moore, die noch vor 20 Jahren unvorstellbar gewesen wären, durchaus geeignet, eben diesen kritischen Blick auf die Gesellschaftsverhältnisse frei zu machen. Zugleich kann sich jeder Gegner des Sozialstaates durch „SICKO“ vor Augen führen, welche Konsequenzen der Wegfall der Sozialstaatlichkeit haben könnte – und zwar nicht anhand theoretischer Weisheiten, sondern durch Einzelschicksale. Davon lebt dieser Film und macht die Problematik so spürbar. Denn Moore bleibt eben nicht auf einer schwer zu fassenden Metaebene. Der Film geht auf den Mikrokosmos der Individuen ein. Er zeigt Schicksale auf, die jeden Normalbürger jederzeit ereilen können. Und als westeuropäischer Beobachter dieses Films wird man mit Problemstellungen jenseits des Atlantiks konfrontiert, die man einer Weltmacht und einem Wirtschaftsriesen sicherlich nicht zugetraut hätte.

 

 

SICKO wurde 2008 in der Kategorie Bester Dokumentarfilm für den Oscar nominiert, konnte sich dann aber nicht gegen „Taxi to the Dark Side“ durchsetzen. Ausgezeichnet wurde „SICKO“ 2008 hingegen – ebenso wie bereits 2003 „Bowling for Columbine“ und 2005 „Fahrenheit 9/11“ – mit dem Broadcast Film Critics Association Award (BFCA) als bester Dokumentarfilm des Jahres. Der BFCA repräsentiert in den USA und Kanada mehr als 200 der renommiertesten Fernseh-, Radio- und Online-Kritiker.

Zusammen mit dem 2008 ebenfalls erschienen Download-Movie „Slacker Uprising“ ist „SICKO“ bislang der letzte Dokumentarfilm im gewohnten Stil aus der Feder von Michael Moore. Das Werk „Kapitalismus“ aus dem Jahr 2009 konzentrierte sich bereits stärker auf den Wirtschaftsliberalismus und dessen Folgen.
Mit dem Wegfall des politischen, republikanischen Kontrahenten Moores ist es nach dem Wahlsieg von Barack Obama eher still um den Regisseur geworden. Seine offensichtlich verfolgte Hauptaufgabe – der politische Wechsel in den USA – scheint erfüllt zu sein. Zumindest bislang.

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